
Du kannst daran glauben, dass ein Mensch bei Gott ist, und dich trotzdem nach nur einem weiteren Gespräch sehnen.
Vielleicht ist seit der Beerdigung ein halbes Jahr vergangen. Die Menschen fragen nicht mehr so oft nach. Aber du möchtest immer noch zum Telefon greifen und etwas erzählen. Für einen Augenblick vergisst du, dass du das nicht mehr kannst.
Dann sitzt du mit dem Telefon in der Hand da und spürst wieder, wie sehr er dir fehlt.
„Ihm geht es jetzt gut“, sagt jemand. „Du wirst ihn doch wiedersehen.“
Du glaubst daran. Trotzdem tut es weh. Und vielleicht fragst du dich langsam, ob dein Glaube dich nicht weniger traurig machen müsste.
Wenn ich von Jesus am Grab des Lazarus lese, fällt mir auf, dass er der Trauer Raum gibt.
Er hat mit Marta über die Auferstehung und das Leben gesprochen. Er ist gekommen, um Lazarus aus dem Grab zu rufen. Doch als er Maria begegnet und ihre Tränen sieht, ist er tief bewegt und weint selbst. Das steht in Johannes 11,32–35.
Jesus weiß, dass der Tod nicht das letzte Wort haben wird. Trotzdem weint er über den Verlust seines Freundes.
Das schenkt mir Ruhe. Die Hoffnung auf die Auferstehung und die Trauer um einen Menschen können gleichzeitig in uns leben.
Ich kenne das aus meiner eigenen Familie.
Mein Schwiegervater Kent war zugleich mein Pastor und Mentor. Als er an Krebs erkrankte, beteten wir darum, dass er wieder gesund werden würde. Wir hofften und beteten weiter, doch schließlich mussten wir Abschied von ihm nehmen.
Nach der Beerdigung saßen wir gemeinsam in einem Restaurant. Jemand aus der Familie hatte nach einer Operation Schmerzen. Wir beteten, und die Schmerzen verschwanden. Eine andere Person ließ für ihre Knie beten und wurde ebenfalls gesund.
Wir hatten gerade Kent beerdigt, für den wir so viel gebetet hatten. Nun freuten wir uns darüber, dass anderen geholfen wurde.
Bis heute habe ich keine Erklärung, die all das an jenem Nachmittag für mich zusammenbringt. Ich erinnere mich sowohl an die Dankbarkeit als auch daran, wie sehr er uns fehlte.
Deshalb möchte ich behutsam mit den Worten umgehen, die ich einem trauernden Menschen mitgebe.
Dass der Mensch, den wir lieben, bei Gott ist, kann ein tiefer Trost sein. Aber wenn wir das jedes Mal sagen, sobald jemand weint, kann es so klingen, als müsste die Trauer längst vorbei sein.
Wir müssen auch zuhören können, wenn jemand erzählt, wie sehr seine Stimme fehlt. Die kleinen Gewohnheiten. All das, was sie ihm noch immer erzählen möchte.
Und wir sollten Raum dafür lassen, dass Trauer unterschiedlich aussieht. Manche weinen viel. Andere werden still oder spüren eine Leere, die sie kaum erklären können. Liebe lässt sich nicht an Tränen messen.
Paulus schreibt den Christen in Thessalonich über die Menschen, die sie verloren haben, und über die Hoffnung, mit dem Herrn zusammen zu sein. Er schenkt ihnen Hoffnung mitten in der Trauer, ohne zu verlangen, dass das Vermissen verschwinden muss. Das kannst du in 1. Thessalonicher 4,13–18 lesen.
Vielleicht brauchst du heute etwas Raum für deine Sehnsucht. Schau dir ein Foto an oder erzähle jemandem von einer Erinnerung, die dir kostbar ist. Du entscheidest selbst, wie viel du teilen möchtest.
Gibt es einen Menschen, den du vermisst und von dem du gerne ein wenig erzählen möchtest?
Du darfst gerne einen Namen oder eine kleine Erinnerung in die Kommentare schreiben. Ich möchte gerne von den Menschen hören, die in deinem Leben wichtig waren.
Und wenn du jemanden kennst, der einen Menschen verloren hat, frag ruhig noch einmal nach, auch wenn schon viel Zeit vergangen ist: „Möchtest du ein bisschen von ihm erzählen?“
Es kann viel bedeuten, wenn andere sich noch immer erinnern.
Über Trauer, Hoffnung und die Fragen, mit denen wir weiterleben, schreibe ich in meinem kommenden Buch:
GOTT IM DUNKELN
Worte für die Tage, an denen Gott zu schweigen scheint